"Künstliche Intelligenz wird das Recruiting revolutionieren"

29.01.2019
Künstliche Intelligenz spielt Klavier

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung auf die Arbeit der Zukunft? Der Geschäftsführer von AVANTGARDE Experts, Philipp Riedel, erklärt die Ergebnisse der jüngsten Studien und gibt Einblicke in die Trends des Arbeitsalltags von Angestellten und Freiberuflern.

AVANTGARDE Experts führt regelmäßig deutschlandweite, repräsentative Studien durch. 2018 gehörten die Auswertungen zu ‚Quo Vadis ‚“Arbeiten in Deutschland?“‘ und ‚Status Quo: Digitalisierung und Marketing‘ dazu.

Philipp Riedel bringt mehr als 10 Jahre Erfahrung in Employer Branding, Recruiting und Digitalisierung in der Personaldienstleistung mit. Im Interview gibt er uns seine Einschätzungen zur aktuellen Stimmungslage auf dem Arbeitsmarkt. 

Unser Interviewpartner: AVANTGARDE Experts CEO Philipp Riedel
Foto des Interviewpartners zum Thema künstliche Intelligenz im Recuiting, Philipp RiedelPhilipp Riedel studierte Angewandte Medienwirtschaft und International Business, bevor er 2009 zunächst erste Berufserfahrungen als Event- und Employer Branding Consultant sammelte. Seit 2011 ist Herr Riedel fester Bestandteil von AVANTGARDE. Als einer der ersten Account Manager bei AVANTGARDE Experts legte er den Grundstein für die heutigen Kundenbeziehungen, vor allem in der Automobilbranche. Nach 8 Jahren kennt er das Unternehmen und dessen Entwicklung wie fast kein Anderer und ist als Geschäftsführer nicht nur beruflich stets auf der Suche nach den neuesten Trends und Innovationen in der Personalbranche. 

 

AVANTGARDE Experts: Herr Riedel, generell zeichnen sowohl die AVANTGARDE Experts-Studie ‚Quo Vadis „Arbeiten in Deutschland?', als auch die 'Status Quo: Digitalisierung und Marketing' Studie ein positives Stimmungsbild in Bezug auf die Arbeitszufriedenheit. Überraschen Sie diese Ergebnisse? 

Philipp Riedel: Nicht wirklich. Meine Erfahrung mit unzähligen Kandidaten und in vielen Kundengesprächen zeigt doch ein sehr viel positiveres Bild, als man es in der Öffentlichkeit manchmal so zeichnet. Der überwiegende Anteil deutscher Arbeitnehmer ist mit seinem Job zufrieden. Diese Zufriedenheit in den letzten Jahren steigt stetig an. Die Zahl der wechselwilligen Angestellten in Deutschland ist seit 2017 nahezu unverändert. Trotzdem zeigen die Studien, dass jeder 5. Angestellte einen baldigen Jobwechsel erwägt. Das erscheint uns als Personalexperten als unerheblich. Wenn man allerdings bedenkt, dass Unternehmen 2019 daraus folgend über 20% ihrer Belegschaft ersetzen müssen, erscheint das weitaus bedeutender. Noch wichtiger als die eigentliche Zahl ist allerdings die Altersverteilung. Vor allem jüngere Arbeitnehmer und Führungskräfte ziehen einen Jobwechsel in Betracht. Das ist ein Trend. Die Generation zwischen 18 und 39 Jahren ist deutlich wechselmotivierter. 

Spannend bleiben weiterhin die Faktoren, die zu Unzufriedenheit führen und den daraus resultierenden Wechsel wahrscheinlicher machen. Hier geht der Trend deutlich in Richtung „Rahmenbedingungen“. Ein flexibles Arbeitsumfeld und gute finanzielle Leistungen sind die maßgeblichen Kriterien für einen idealen Arbeitgeber. Diese stehen noch vor den persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten oder einer abwechslungsreichen Tätigkeit. Ich denke, dass viele Unternehmen noch deutliches Potential haben, ihren Mitarbeitern ein sicheres und wertschätzendes Umfeld zu bieten und das auch zu kommunizieren. Gerade in einer Zeit, in der die Menschen infolge der immer schneller werdenden Arbeitsabläufe - Stichwort „Digitalisierung“ - stark gefordert werden, ist der Rückhalt des Arbeitgebers ein so unerlässliches Instrument.

AVANTGARDE Experts: Wichtiger als Faktoren wie das Gehalt? 

Philipp Riedel: Das möchte ich mit „Jein“ beantworten. Denn Gehalt ist nur ein relativ kurzfristiger extrinsischer Motivator, bei dem schnell ein Gewöhnungseffekt eintritt. Natürlich werden Mitarbeiter schnell unzufrieden, sobald sie das Gefühl haben nicht „marktkonform“ bezahlt zu werden. Intrinsische Motivatoren sind langfristig allerdings wichtiger. Hierzu zählen Selbstwirksamkeit, Kompetenzerleben und Autonomie. Alles Komponenten, die sich in der Selbstverwirklichung widerspiegeln und die Menschen letztendlich langfristig glücklicher machen. 
Im Kern ist es also für Unternehmen wichtig, Mitarbeitern Raum zur Selbstverwirklichung zu geben und sie mitgestalten zu lassen. Beim Recruiting neuer Kollegen spielen Qualifikation und Vorerfahrungen zunehmend eine untergeordnete Rolle. Eine hohe intrinsische Motivation und das passende Aufgabenfeld mit der richtigen Position ist viel entscheidender. Gerade wenn es um Jobs geht, die sich sehr schnell verändern, kann sich ein intelligenter und motivierter Mitarbeiter sehr schnell einarbeiten. Sobald außergewöhnliche Spezialkenntnisse erforderlich sind, etwa wie bei Ärzten, Juristen oder spezialisierten Ingenieuren, sieht das natürlich anders aus.

Gelscheine in Erde

AVANTGARDE Experts: Wenn Sie sich die Ergebnisse der beiden Studien in Bezug auf die Digitalisierung ansehen, stimmen sie mit den Erfahrungswerten in Ihrem Unternehmen überein? 

Philipp Riedel: Diese Ergebnisse sind spannend, weil sie nicht ganz einfach zu durchdringen sind. Beispielweise fühlen sich die „Digital Natives“, also die 18- bis 29-Jährigen, schlechter auf den anstehenden digitalen Wandel vorbereitet, als etablierte Arbeitnehmer. In der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen nimmt dieser Trend dann natürlich wieder ab. Jetzt könnte man vermuten, dass die junge Generation den Umfang der digitalen Möglichkeiten besser durchblicken kann und sich deshalb schlechter vorbereitet fühlt. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass auch die gefühlte „Panikmache“ eine entscheidende Rolle spielt.

Allein durch ihre Erziehung und das Aufwachsen in einer zunehmend digitalisierten und automatisierten Welt, sind junge Arbeitnehmer bestens darauf vorbereitet den Wandel mitzugestalten. Ich möchte deshalb auch Mut machen! Es ist eine unglaubliche Chance eine weitere industrielle Revolution mitzugestalten und als Gewinner der Digitalisierung hervorzugehen. Das gilt im Übrigen nicht nur für akademische Jobs. Ich bin überzeugt, dass sich die Joblandschaft zwar ändert, halte allerdings wenig von der Panik mit Stichworten, wie „Massenarbeitslosigkeit“ und „Massenentlassungen“.

Im Arbeitsalltag nutzt die überwiegende Mehrheit unserer Mitarbeiter im Unternehmen und bei unseren Kunden die Vorteile der Digitalisierung. Immer erreichbar sein, Daten überall zur Verfügung haben und nicht ortsgebunden gemeinsam an Projekten zu arbeiten, sind enorme Zugewinne für unsere Arbeitswelt. Die damit verbundene Verschmelzung von Beruf und Freizeit sehe ich dabei zum Teil jedoch auch kritisch. Ich stelle allerdings fest, dass die meisten Kollegen damit sehr wohl verantwortungsbewusst umgehen und dies sogar als weiteren Wert der Flexibilisierung sehen.

AVANTGARDE Experts: Laut der ‚Status Quo: Digitalisierung und Marketing‘-Studie wird der Einsatz von künstlicher Intelligenz bis jetzt kaum als Veränderungsfaktor wahrgenommen. 
Wie schätzen Sie das Potenzial von künstlicher Intelligenz im Marketing bzw. generell ein?

Philipp Riedel: Das Potential ist gewaltig, die Umsetzung leider weniger! Wenn man von Industrie 4.0 spricht, sind in einigen Unternehmen gerade erste Ansätze etabliert, sodass z.B. sowohl die Produktionsmaschinen untereinander kommunizieren als auch voneinander lernen und erste Rückschlüsse aufgrund verschiedener Auswertungen ziehen. Auch in der Kommunikation mit Lieferanten sind diese Ansätze vorhanden. 
Im Marketing spielt künstliche Intelligenz noch eine sehr untergeordnete Rolle. Potentiale gibt es vorrangig in der Planung und Steuerung von Kampagnen und vor allem in der Echtzeitanalyse des Kundenverhaltens. Darauf aufbauend werden künftig Vertriebsplanungen und Kundenservice abgestimmt. Unser Mutterunternehmen, die internationale Experiential Marketing Agentur AVANTGARDE investiert zurzeit stark in die Messbarkeit von Kampagnen und erreicht damit schon sehr intelligente Reaktionsmöglichkeiten auf Besucherströme und Kundeninteressen in Echtzeit. Eine Innovation, die viele Kunden bereits im Einsatz haben. 

Um ein paar zusätzliche Stichworte zu nennen: Dynamic Pricing, intelligente Chatbots, automatisch generierter Content, Personalisierung, Individualisierung und zielgerichtete Onlinewerbung - auf diesen Gebieten wird künstliche Intelligenz künftig sicher nutzbar sein und große Vorteile bringen. Meine Erfahrung ist allerdings, dass in vielen Unternehmen die technischen Voraussetzungen noch nicht gegeben sind. Auch Mitarbeiter werden kaum vorbereitet oder gezielt geschult. Hier gibt es noch viel Potential. Doch selbstverständlich wird künstliche Intelligenz nicht nur im Marketing, sondern in den meisten Berufsfeldern künftig eine bedeutende Rolle übernehmen. Sich nicht mit diesen Möglichkeiten auseinanderzusetzen bzw. sie sogar vollkommen auszuschließen, wird in naher Zukunft einen maßgeblichen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit vieler Unternehmens haben, speziell im internationalen Vergleich.

Ich, als Geschäftsführer, sehe die essentielle Aufgabe darin, die Vorteile von künstlicher Intelligenz bei uns im Unternehmen zu erforschen und gewinnbringend einzusetzen. U.a. etablieren wir hierfür gerade einen eigenen Unternehmensbereich, der sich mit der Entwicklung und den Möglichkeiten unserer Branche beschäftigt. Dazu aber in Kürze mehr!

AVANTGARDE Experts: Können Sie ein Beispiel für den Einsatz von künstlicher Intelligenz im Personalwesen nennen?

Philipp Riedel: Klar, es gibt sehr viele Einsatzmöglichkeiten. Nehmen wir beispielsweise das Recruiting - unser Kerngeschäft. Hier laufen heute bereits intern zahlreiche Prozesse vollkommen digital ab, wie zum Beispiel die Erfassung der Bewerber in der Bewerberdatenbank. Zukünftig möchten wir jedoch ganz gezielt künstliche Intelligenz nutzen, um noch passgenauer Kandidat und Position zusammenzuführen. Mittels künstlicher Intelligenz werden wir langfristig sogar in der Lage sein, zu antizipieren wann eine bestimmte Person eine berufliche Veränderung anstreben möchte und können nicht nur anhand ihres Lebenslaufs, sondern anhand einer Vielzahl persönlicher Hintergrundinformationen, wie z.B. Werte, Hobbies, familiärer Background den perfekten neuen Job vorschlagen. Stellen Sie sich einfach vor, es gibt irgendwo in Deutschland oder auch im Ausland den perfekten Job für Sie. Heute wissen Sie davon vielleicht noch gar nichts. Wir als Partner für Karrieren werden genau diese Lücke füllen müssen, um damit Kandidaten und Unternehmen bzw. Kandidaten und Projekte passgenau zusammenzubringen. Da es sich dabei auch um eine riesige Anzahl an Daten und Informationen handelt, werden uns „künstliche Kollegen“ unterstützen müssen. („lacht“).  

AVANTGARDE Experts: In beiden Studien wurde auch auf den Stellenwert einer modernen Arbeitsplatzgestaltung eingegangen. Hier zeigt sich, dass einerseits Unternehmen bei der Umsetzung noch Nachholbedarf haben und dass andererseits wiederum der Stellenwert neuer Arbeitsplatzkonzepte bei den Mitarbeitern nicht wirklich von Bedeutung ist. 
Wie ist Ihre Sicht auf diese Ergebnisse? Spielen moderne Arbeitsplatzkonzepte wirklich nur eine untergeordnete Rolle? 

Philipp Riedel: Nein, absolut nicht. Natürlich ist es kaum sinnvoll einfach die Arbeitsplätze von Mitarbeitern zu modernisieren und zum Beispiel Co-Working Spaces einzurichten, wenn dahinter kein durchdachtes Konzept steht. Es hat allerdings einen guten Grund, warum große, international erfolgreiche Unternehmen, wie z.B. Google oder Apple großen Wert auf attraktive, unkonventionelle Büroräume legen und hier neue Maßstäbe setzen. Denn nicht die Produktivitätssteigerung, die Kundenfreundlichkeit oder die Kosteneinsparung stehen an erster Stelle – natürlich sind diese Punkte ebenfalls wichtige Aspekte, aber letztendlich geht es um die Förderung der bereichsübergreifenden Kreativität und Innovationsfähigkeit. Denn diese zwei Faktoren sind entscheidend für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit und letztendlich für den langfristigen Unternehmenserfolg. Deshalb lege ich, als Geschäftsführer, z.B. bei der Gestaltung der neuen Büroräume für AVANTGARDE Experts in München maximalen Fokus auf die Konzeption kreativitäts- und innovationsfähiger Arbeitsplatzmodelle und empfehle dies auch allen Unternehmen. Entscheidend ist nur, dass diese Modelle nicht aus purem Aktionismus entstehen, sondern mit der Kultur des Unternehmens zusammenpassen.

Wir bedanken uns herzlich bei Philipp Riedel für das spannende Interview!

Bist Du auf der Suche nach einem neuen Job? Dann schau Dich gerne auf unserer Jobbörse um. Wir haben viele tolle Jobs von namhaften Unternehmen in unserem Angebot. Die Branchen erstrecken sich von Online-Marketing über Account Management bis hin zu Projekt Management.

Außerdem suchen wir auch immer nach Talenten, die das Team der AVANTGARDE Experts tatkräftig unterstützen möchten. Schau am besten auf unserer internen Karriereseite vorbei, ob die passende Stelle Für Dich dabei ist!

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Bildnachweis: Titelbild: © unsplash/Franck V., Bild 1: © Philipp Riedel (privat), Bild 2: © pexels/TheDigitalWay, Bild 3: © gettyimages/Ridofranz, Bild 4: © gettyimages/shapecharge.

 

29.01.2019

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